WRC – RALLYE MEXICO 2014

Herkules-Aufgabe für WM-Spitzenreiter Volkswagen in Mexiko

  • Volkswagen als WM-Erste, -Zweite und -Vierte „Straßenkehrer“ von León
  • Erste Schotter-Rallye des Jahres rund um die geografische Mitte Mexikos
  • Große Höhe zusätzliche Herausforderung für Mensch und Material

Erstmals Schotter, große Höhe und ein Luxusproblem – Volkswagen startet bei der Rallye Mexiko (06.–09. März) in eine besondere Herausforderung. Beim dritten Lauf der FIA Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) nehmen die drei Volkswagen Werksduos erstmals in dieser Saison Schotter unter die Räder des Polo R WRC. Aus dem Winter Monte Carlos und Schwedens werden sommerliche Temperaturen Mexikos. Und eine geografische Besonderheit im WM-Kalender gibt es noch dazu: Der mit 2.781 Meter über Normalnull höchste und der mit 1.832 Metern tiefste Punkt auf den Wertungsprüfungen bedeuten im wahrsten Sinn dünne Luft für die WM-Teilnehmer.

Bis zu 30 Prozent ihrer Leistung verlieren die Motoren unter diesen Bedingungen. Dazu werden Jari-Matti Latvala/Miikka Anttila (FIN/FIN) als WM-Führende, Sébastien Ogier/Julien Ingrassia (F/F) als WM-Zweite sowie Andreas Mikkelsen/Mikko Markkula (N/FIN) als WM-Vierte mit einem zusätzlichen Problem konfrontiert. Sie haben angesichts ihrer Top-Platzierungen im WM-Klassement die Ehre, die Strecke zu eröffnen. Damit spielen sie die Rolle der „Straßenkehrer“ von León und fegen die Wertungsprüfungen für die Nachfolgenden vom losen Schotter frei – grundsätzlich Gift für gute WP-Zeiten.

„Lag bei den ersten beiden WM-Rallyes des Jahres in Monte Carlo und in Schweden der Schwerpunkt etwas mehr auf der fahrerischen Leistung, ist in Mexiko diesmal verstärkt das Material gefragt“, so Volkswagen Motorsport-Direktor Jost Capito. „Die Anpassung der Motorsteuerung an die extreme Höhe ist eine knifflige Aufgabe für die Ingenieure, die die Balance zwischen Standfestigkeit und minimaler Leistungseinbuße finden müssen. Dazu haben auch unserer Fahrer/Beifahrer-Paarungen eine Herkules-Aufgabe vor sich. Sie dürfen – oder müssen – die Strecke wegen ihrer Top-Platzierungen in der WM eröffnen. Trotz dieses immensen Nachteils glaube ich fest daran, dass Jari-Matti Latvala, Sébastien Ogier und Andreas Mikkelsen hier und da zaubern und hoffentlich alle überraschen können.“

Wer ist schneller als Speedy Gonzales? – Kleine Wunder an Tag eins nötig

Mit jedem World Rally Car, das die Route passiert, werden die Wertungsprüfungen mehr und mehr von ihrer dicken Schicht losen Schotters gesäubert. Selbst auf dem zweiten Durchgang auf den WPs tritt bei der Rallye Mexiko dieser Effekt ein. Für diejenigen, die die Route eröffnen, ein klarer Nachteil. Umso mehr kommt es auf Fahrer und Beifahrer im Volkswagen Team an. Mit einem Null-Fehler-Job und perfekt kalkuliertem Risiko könnten die Werksduos am ersten Rallye-Tag Schadensbegrenzung betreiben. Jari-Matti Latvala/Miikka Anttila führen mit 40 Zählern die Tabelle in Fahrer- und Beifahrer-Wertung an und eröffnen damit als Erste die Wertungsprüfungen des ersten Rallye-Tages. Ihre Teamkollegen Sébastien Ogier/Julien Ingrassia folgen mit zwei Minuten Abstand. Sie liegen mit 35 Zählern derzeit auf WM-Rang zwei. Weitere vier Minuten später gehen Andreas Mikkelsen/Mikko Markkula (24 WM-Zähler, Platz vier) auf die Strecke.

Vor der Saison wurden im sportlichen Reglement der Rallye-WM die Bestimmungen zur Startreihenfolge novelliert. Der erste Rallye-Tag wird nun stets in der Rangfolge des WM-Klassements ausgetragen, alle weiteren in der Reihenfolge der Rallye-Gesamtwertung vom Vortag. Eine Qualifikation wie in den vergangenen Jahren wird nicht mehr ausgetragen.

Wie Joggen mit Schnorchel – die Luft wird für die Motoren dünn

Die 1,6-Liter-Turbomotoren in der Rallye-WM werden laut Reglement mit einem Luftmengenbegrenzer effektiv in ihrer Leistung begrenzt – gerade so, als würde man beim Joggen durch einen Schnorchel atmen. Auf Höhen in der Sierra de Lobos und der Sierra de Guanajuato rund um die 2.800-Meter-Marke ist bei der Rallye Mexiko dieser Effekt noch einmal verstärkt. Mit der Höhe sinkt der Sauerstoffanteil der Luft und führt damit zu einer weniger effizienten Verbrennung. Zudem sinkt der Luftwiderstand für den Turbolader. Damit steigt die Drehzahl in diesem Bauteil – nur ein Eingreifen über die Motorsteuerung kann eine mechanische Überlastung verhindern. Verglichen mit der Rallye Schweden sinkt die Leistungsausbeute der Motoren damit um 28 bis 30 Prozent.

„Die Höhe bei der Rallye Mexiko betrifft kein Bauteil des Polo R WRC derart wie den Motor“, so Dr. Donatus Wichelhaus, Leiter Motorenentwicklung bei Volkswagen Motorsport. „Einerseits sinkt mit der Höhe der Luftdruck und damit der Sauerstoffgehalt der Luft, andererseits auch der Luftwiderstand im Turbolader, der damit höhere Drehzahlen erreicht als bei allen anderen Rallyes. Um seine Standfestigkeit weiterhin zu gewährleisten, gleichzeitig aber so wenig Leistung wie möglich zu verlieren, haben wir uns bereits vor dem vergangenen Jahr mit verschiedenen Simulationen auf die ‚Mexiko‘ vorbereitet.“

Mittendrin in Mexiko: Bergwerksschächte, Serpentinen und „El Chocolate“

Bei der Rallye Mexiko bilden die Extreme ein unverwechselbares Kontrastprogramm für Fahrer, Beifahrer und Fans. Popstar-Feeling und die Begeisterung von 80.000 Zuschauern bei der „Guanajuato Street Stage“ treffen Einsamkeit im Hochland, Kurzprogramm von nur etwas mehr als einem WP-Kilometer trifft 56-Kilometer-Knochenjob – die Rallye Mexiko ist einer der vielfältigsten im WM-Kalender. Drei Wertungsprüfungen ragen allein ihrer Länge wegen heraus: „El Chocolate“ am Freitag mit gut 44 Kilometern auf Zeit, „Otates“ am Samstag mit knapp 54 Kilometern sowie „Guanajuatito“ mit etwa 56 Kilometern.

Auf der WP „Derramadero“ steht der beliebteste Zuschauerpunkt der Fans auf dem Programm. Ultraschnelle Serpentinen, eine Abfahrt um rund 200 Höhenmeter innerhalb von gerade einmal 2,5 Kilometern sowie die Sprungkuppe „El Brinco“ mit spektakulären Flugeinlagen der World Rally Cars sind die exquisiten Zutaten dieser abschließenden und live im TV übertragenen Power Stage. Und das alles lediglich vier Kilometer vom Cerro del Cubilete entfernt, auf dem eine etwa 30 Meter hohe Christus-Statue den geografischen Mittelpunkt Mexikos markiert.

Stimmen vor der Rallye Mexiko

Sébastien Ogier, Volkswagen Polo R WRC #1
„Ich mag die Rallye Mexiko. Das Ziel für dieses Jahr ist natürlich, den Sieg aus der vergangenen Saison zu wiederholen. Die zum Teil langen Wertungsprüfungen in Mexiko sind für uns immer eine große Herausforderung. Wir starten als Zweite mit dem Wissen, dass die Straßenverhältnisse mit jedem Auto besser werden. Meine Ausgangssituation ist mit Sicherheit besser als die meines Teamkollegen Jari-Matti Latvala, aber die Jungs hinter uns werden noch bessere Bedingungen haben. Wir werden also am ersten Tag das Maximum herausholen müssen, um nicht früh alle Chancen einzubüßen. Eine unserer Stärken im vergangenen Jahr war der Motor des Polo R WRC. Wir hatten mit den Bedingungen, der dünnen Luft und dem damit verbundenen Leistungsverlust, weniger Probleme als unsere Konkurrenten. Doch die Karten sind für 2014 neu gemischt worden.“

Jari-Matti Latvala, Volkswagen Polo R WRC #2
„Der Sieg in Schweden war ein besonderer Moment für mich und hat mir natürlich eine Extraportion Selbstvertrauen gegeben. Auf die anstehende Schotter-Rallye in Mexiko mit ihren schwierigen Bedingungen haben wir uns mit Testfahrten in Spanien sorgfältig vorbereitet. Durch die wegfallende Qualifikation muss ich in Mexiko als Erster auf die Piste, was natürlich ein Handicap ist. Die Regeln sind aber, wie sie sind. Die Freude, als WM-Führender nach Mexiko zu reisen, überwiegt auf jeden Fall. Ich nehme es sportlich und werde das Beste aus den Gegebenheiten machen. Wenn alles perfekt läuft, ist sogar ein Sieg möglich, aber das ist nicht mein Hauptziel. Wir wollen wenigstens Punkte holen. Eine Podiumsplatzierung wäre schon super.“

Andreas Mikkelsen, Volkswagen Polo R WRC #9
„Schweden war ein perfektes Wochenende. Wir haben um den Rallye-Sieg gekämpft und der zweite Platz war im Endeffekt ein großartiges Ergebnis für Mikko und mich. Wenn man einmal auf dem Podium stand, möchte man das natürlich wiederholen. Man darf aber auch den Sinn für die Realität nicht verlieren. Jetzt freuen wir uns auf Mexiko, was absolutes Neuland für uns ist. Da ich die Rallye noch nicht im Wettbewerb gefahren bin, wird es für uns nicht einfach. Immerhin konnte ich im vergangenen Jahr an der ‚Recce‘ teilnehmen und somit erste Eindrücke sammeln. Mein Ziel sind die Top Fünf. Ich bin jedenfalls körperlich und mental frisch für das Rallye-Wochenende. Nach Schweden war ich zu Hause bei meiner Familie und meinen Freunden, außerdem habe ich noch einen Wochenend-Trip nach New York unternommen, um ein bisschen zu entspannen. Jetzt kann’s losgehen.“

Drei Fragen an … Martin Hassenpflug

Sie sind Car Chief am Polo R WRC von Weltmeister Sébastien Ogier. Um erfolgreich zu sein, ist blindes Vertrauen zwischen Car Chief und Pilot nötig. Wie lange hat es bei Ihnen beiden gedauert?
Martin Hassenpflug: „Das hat sich relativ schnell eingestellt, da wir in etwa gleich alt sind. Zudem war es natürlich von Vorteil, dass wir die komplette Saison 2012 mit dem Škoda Fabia gemeinsam absolviert haben. Seitdem besteht dieses blinde Verständnis zwischen uns beiden und unsere Zusammenarbeit funktioniert absolut reibungslos. Das zahlt sich natürlich an den hektischen Rallye-Wochenenden aus.“

Sie haben bereits mit vielen Fahrern zusammengearbeitet und somit den Vergleich: Was zeichnet Sébastien Ogier aus und was hebt ihn von anderen Piloten ab?
Martin Hassenpflug: „Sébastien hat auf jeden Fall den Willen, immer zu siegen. Na gut, das haben beinahe alle, aber bei ihm ist es wirklich extrem. (lacht) Wenn es um die Wurst geht und Rallye angesagt ist, schaltet er auf Siegermodus – und los geht’s!“

Der Ogier-Polo wird von ihnen mehrmals täglich gehätschelt und gepflegt. Wann haben Sie das letzte Mal das Auto Ihrer Frau gewaschen?
Martin Hassenpflug: „Das ist in der Tat recht selten. Ab und zu fahre ich mal in die Waschanlage oder sauge an der Tankstelle die Sitze und die Fußräume. Das war es aber auch schon. Aber Beschwerden, dass ich nur den Polo vom Séb schrubbe und nicht ihr Auto, kamen bisher jedenfalls nicht. Das eine ist schließlich meine Arbeit, das andere ist privat – somit sind es zwei unterschiedliche Paar Schuhe.“

Die Zahl zur Rallye Mexiko: 3

Beim dritten Saisonlauf der Rallye-Weltmeisterschaft (WRC) möchte Volkswagen den dritten Erfolg im Jahr 2014 feiern. Außerdem reist das Team aus Wolfsburg mit seinen drei Fahrergespannen als Titelverteidiger und Führender in allen drei Wertungen (Fahrer-, Beifahrer- und Hersteller-Wertung) nach León und Umgebung. Im vergangenen Jahr sicherte sich Sébastien Ogier neben dem Gesamtsieg beim dritten Auftritt von Volkswagen in der Rallye-WM drei Zusatzpunkte für den Gewinn der Power Stage.

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